Angst: Warum wir ohne sie nicht überlebensfähig wären
- Alexandra Pisek
- 6. Juni
- 6 Min. Lesezeit
Angst ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiges biologisches Erbe. Warum wir sie brauchen und wann sie uns im Weg steht.

Vielleicht kennst du dieses subtile, kriechende Gefühl, das sich manchmal völlig ungefragt in deinen Alltag schleicht. Es taucht oft genau dann auf, wenn wir vor einer Veränderung stehen, eine wichtige Entscheidung treffen müssen oder Neuland betreten – sei es im Beruf oder im Privatleben. Es verengt den Brustkorb, lässt den Atem flacher werden und sorgt für eine plötzliche, hellwache Anspannung im ganzen Körper. In solchen Momenten neigen wir schnell dazu, die Angst als Störfaktor zu betrachten – als eine Blockade, die wir am liebsten ausschalten würden.
Doch wenn wir versuchen, die Angst aus unserem Leben zu verbannen, übersehen wir ihre eigentliche, existenzielle Absicht. Sie ist kein Defekt unseres Systems, sondern ein evolutionäres Erbe, das uns seit Jahrtausenden beschützt. Wenn wir die Angst zu Wort kommen lassen, würde sie uns ihre Aufgabe so erklären:
„Ich bin nicht dein Feind. Ich bin auf deiner Seite – und mein einziger Auftrag ist es, dich zu schützen. Ich zeige dir, wo eine Gefahr lauern könnte, damit du nicht unvorbereitet hineinläufst. Ich will dich nicht lähmen. Ich möchte, dass du kurz innehältst, dich orientierst und dann bewusst entscheidest, wie du deinen nächsten Schritt gehst.“
Die evolutionäre Funktion der Angst
In der Psychologie und der systemischen Beratung betrachten wir Gefühle niemals als Fehler, sondern immer als Botschafter mit einer klaren Schutzfunktion. Unsere Amygdala, ein kleiner, mandelförmiger Bereich tief im Gehirn, funktioniert wie ein innerer Wächter, der pausenlos äußere Eindrücke und innere Vorstellungen auf potenzielle Gefahren überprüft. Dabei macht sie keinen Unterschied: Ein bedrohliches Bild vor dem inneren Auge löst dieselbe Reaktion aus wie eine reale Gefahr. Meldet sie eine Bedrohung, löst sie innerhalb von Millisekunden eine Kettenreaktion aus: Der Körper schüttet Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus, die Muskeln spannen sich an, der Atem wird schneller – wir sind bereit für Kampf, Flucht oder Erstarren. Alles davon passiert, bevor wir auch nur einen klaren Gedanken fassen konnten.
Dieses emotionale Grundmuster stammt aus der Steinzeit. Prof. Dr. Matthias Berking, der Entwickler des Trainings emotionaler Kompetenzen (TEK), nutzt dafür ein eindrückliches Bild: Wenn Steinzeitmenschen am Lagerfeuer saßen und es im Gebüsch raschelte, überlebten genau jene, die Angst verspürten. Die Angst sorgte für höchste Wachsamkeit und körperliche Aktivierung – sie trieb die Menschen dazu, Vorkehrungen zu treffen oder die Flucht anzutreten. Wer hingegen völlig angstfrei sitzen blieb, wurde im Zweifel vom Säbelzahntiger gefressen.
Angst und Ärger: zwei Gefühle, eine Wurzel
Das Problem unseres heutigen Systems: Die Amygdala reagiert in modernen Alltagssituationen immer noch exakt nach diesem uralten Programm. Unser Gehirn hat biologisch noch nicht verstanden, dass im Büro oder im Beziehungsalltag keine Säbelzahntiger mehr lauern. Es überträgt die intensive Reaktion der Steinzeit eins zu eins auf harmlose Reize der Gegenwart.
An genau diesem Punkt entscheidet übrigens eine einzige unbewusste Frage darüber, welches Gefühl entsteht: Bin ich dieser Bedrohung gewachsen? Lautet die Antwort nein, entsteht Angst – der Impuls zur Flucht oder Vermeidung. Lautet sie ja, entsteht Ärger – der Impuls zum Kämpfen und Durchsetzen. Beide Gefühle haben also die gleiche Wurzel.
Warum ein Leben ohne Angst lebensgefährlich wäre
Wie tief der Wunsch verankert ist, das Gefühl der Angst einfach auszuschalten, hat mein Supervisor in unserer systemischen Weiterbildung einmal sehr eindrücklich beschrieben. Als systemischer Therapeut saß er einem Klienten gegenüber, der mit einem klaren Ziel in die Therapie kam: seine Angst loswerden oder zumindest auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Die Antwort meines Supervisors war überraschend und entlastend zugleich und lautete sinngemäß:
„Sie dabei zu unterstützen, Ihre Angst komplett loszuwerden, fände ich von mir als Therapeut sehr verantwortungslos. Wenn Sie keine Angst mehr spüren, ist die Gefahr riesengroß, dass Sie heute Abend unachtsam auf die Straße treten und von einem Auto überfahren werden. Wie sollte ich das Ihren Angehörigen erklären – dass Sie verstorben sind, weil wir Ihre Angst erfolgreich gelöscht haben?“
Diese Intervention rückt die Perspektive gerade: Angst ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir an der Bordsteinkante stehenbleiben, nach links und rechts schauen, Risiken abwägen und Vorsorge treffen. Sie ist ein stiller Begleiter in hunderten Alltagsentscheidungen, die meisten davon nehmen wir gar nicht bewusst wahr. Sie zu spüren, ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern das Signal eines funktionierenden Schutzsystems, das unser Überleben sichert.
Wenn das Alarmsystem im Alltag übersteuert
Das System funktioniert, solange es zwischen echter Bedrohung und harmlosen Alltagssituationen unterscheiden kann. Schwierig wird es, wenn diese Unterscheidung nicht gelingt: wenn das Gehirn bei einem Konfliktgespräch, einer offenen Aufgabenliste oder einer unklaren Rückmeldung genauso alarmiert reagiert wie einst beim Säbelzahntiger. Die Angst ist dann nicht falsch, sie ist nur unverhältnismäßig. Sie überbewertet die Gefahr, unterschätzt unsere Fähigkeit, damit umzugehen, und hält uns in einer gedanklichen Dauerschleife aus Sorgen und körperlicher Anspannung fest. In solchen Momenten lohnt es sich, kurz innezuhalten und hinzuhören, was die Angst uns eigentlich sagen will:
„Wenn du mich bekämpfst und mich zum Schweigen bringen willst, werde ich nur noch lauter. Ich brauche nicht deinen Widerstand, sondern dein Verständnis, um mich wieder beruhigen zu können.“
Dabei hilft uns ein bewusster Perspektivenwechsel: Betrachte deine Angst nicht als Feind, den du bekämpfen musst, sondern als eine überfürsorgliche Beraterin aus der Steinzeit. Wenn du ihr den Kampf ansagst, erhöhst du nur den inneren Stresspegel. Wenn du sie und ihre positive Absicht jedoch freundlich anerkennst, verliert sie ihre lähmende Macht.
Zwei Impulse zur Regulation im Alltag
Wenn du das nächste Mal merkst, dass die Angst in dir hochsteigt, kannst du folgende Techniken nutzen, um dein Nervensystem sanft zu regulieren:
Die Atementspannung
Da Angst den Atem flach und schnell werden lässt, kannst du über bewusstes Ausatmen das Signal zur Entwarnung an dein Gehirn senden. Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Parasympathikus – den Teil deines Nervensystems, der für Entspannung und Erholung zuständig ist. Atme tief durch die Nase ein und deutlich länger und langsam durch den leicht geöffneten Mund aus. Wiederhole das für ein bis zwei Minuten, um die körperliche Aktivierung spürbar zu dämpfen.
Den Fokus wechseln
Tritt gedanklich einen Schritt zurück und frage dich ganz konkret: „Welche Gefahr vermutet meine Angst hier gerade wirklich? Und wie kann ich meinen nächsten Schritt so gestalten, dass er sich für mich sicher anfühlt?" Damit holst du die Kontrolle vom emotionalen Alarmsystem zurück in dein bewusstes Denken.
Wenn die Angst zum dauerhaften Begleiter wird
Gelegentliche Übersteuerung kennen die meisten von uns. Etwas anderes ist es, wenn Angst nicht mehr situativ auftaucht und wieder vergeht, sondern dauerhaft präsent bleibt: wenn sie den Schlaf raubt, Entscheidungen lähmt oder bestimmte Situationen gänzlich unmöglich macht. Dann hat sie sich von einem Schutzmechanismus in eine Belastung verwandelt, die professionelle Begleitung braucht. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Reife und gesunder Selbstfürsorge. Erste Anlaufstellen sind der Hausarzt, die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen (116 117) oder psychosoziale Beratungsstellen.
Einladung zur Reflexion
In welchem Bereich deines Lebens meldet sich Angst besonders häufig? Und was könnte sie dir damit über deine tieferen Bedürfnisse und Werte sagen?
Quellen:
Baer, U. & Frick-Baer, G. (2024): Das Abc der Gefühle.
Berking, M. (2017): Training emotionaler Kompetenzen.
Barrett, L. F. (2023): Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen.
LeDoux, J. (1998): The Emotional Brain. The Mysterious Underpinnings of Emotional Life.
Für alle, die mehr als Impulse wollen
Gefühle wie Angst, Ärger oder Stress nicht mehr als Feinde, sondern als hilfreiche Signale zu verstehen und sie gezielt zu regulieren, ist eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt. Genau das ist der Kern meines Online-Workshops Training emotionaler Kompetenzen (TEK). Auf Basis des wissenschaftlich fundierten Programms von Prof. Dr. Matthias Berking erarbeitest du in kleiner Gruppe sieben Basiskompetenzen, die dich dabei unterstützen, konstruktiv mit belastenden Gefühlen umzugehen.
Aktuell plane ich die neuen Termine für das Onlineformat. Wenn du Interesse an diesem Kurs hast, schreibe mir einfach eine kurze Mail an kontakt@alexandrapisek.de. Ich merke dich dann ganz unverbindlich vor und gebe dir Bescheid, sobald die nächsten Termine feststehen.

Wer schreibt hier eigentlich?
Ich bin Alexandra – systemische Beraterin (DGSF) und Trainerin für Resilienz und mentale Gesundheit aus der Region Mainz/Wiesbaden. Ich begleite Menschen dabei, ihre innere Widerstandskraft zu stärken – mit fundiertem Hintergrundwissen und Methoden, die sich im echten Leben bewähren. Ich freue mich über deine Nachricht: kontakt@alexandrapisek.de
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