Pflegende Angehörige: Stark für andere – aber wer stärkt eigentlich dich?
- Alexandra Pisek
- 7. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Pflegende Angehörige tragen hohe Verantwortung, bis die eigenen Kräfte erschöpft sind. Neue Forschung zeigt, warum Prävention so dringend nötig ist – und drei Ansätze, die deine Stabilität stärken.

Hast du heute schon einmal bewusst innegehalten? Einen Moment nur für dich?
Wenn du einen nahestehenden Menschen pflegst, lautet die ehrliche Antwort vermutlich: Nein – dafür war schlicht keine Zeit. Pflege ist eine Aufgabe, die von viel Liebe, Verantwortungsgefühl und Hingabe getragen wird. Aber sie ist auch eine, die selten aufhört: Die ständige Erreichbarkeit, die Bürokratie und die körperliche und emotionale Belastung – all das hinterlässt Spuren. Oft so leise, dass du es selbst erst bemerkst, wenn die Erschöpfung längst tief sitzt.
Wer Tag für Tag da ist, organisiert, hält, tröstet und auffängt, verliert leicht aus dem Blick, dass auch die eigene Kraft Grenzen hat. Nicht aus Gleichgültigkeit sich selbst gegenüber, sondern weil die Verantwortung für den anderen so real, so dringend und so allgegenwärtig ist, dass das eigene Befinden wie eine Kleinigkeit wirkt. Dabei ist es das Gegenteil davon.
Pflegende Angehörige unter wachsendem Druck
Mehr als sieben Millionen Menschen leisten in Deutschland regelmäßig informelle Pflegearbeit – als Töchter, Söhne, Partner, Geschwister. Sie tun das häufig über Jahre, in einem System, das seine Anforderungen an pflegende Angehörige eher erhöht als verringert. Mit dem demografischen Wandel wird sich daran wenig ändern: Die Zahl pflegebedürftiger Menschen wird weiter steigen – und damit auch die Zahl derer, die diese Verantwortung schultern.
Dabei ist die Belastung, die damit einhergeht, längst kein unbekanntes Phänomen: Metaanalysen belegen deutlich erhöhte Depressionsraten bei pflegenden Angehörigen, Analysen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass diese Gruppe überdurchschnittlich häufig unter Stress, Erschöpfung und psychischen Beschwerden leidet. Und trotzdem sind pflegende Angehörige bislang keine eigenständige Zielgruppe der psychischen Gesundheitsversorgung. Das heißt im Klartext: Das System baut täglich auf sie – ohne sich systematisch um sie zu kümmern.
Das Forschungsprojekt Inno:Care
Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) nimmt diese Lücke ernst und widmet ihr mit Inno:Care – Stress, mentale Gesundheit und Resilienz in der informellen Pflege von Angehörigen ein eigenes Forschungsprojekt. Unter Leitung von Dr. Lydia Kogler soll zunächst eine groß angelegte Befragung im deutschsprachigen Raum systematisch erfassen, welche psychischen Belastungen auftreten und wo Unterstützungsbedarf besteht. Langfristiges Ziel ist es, präventive Strukturen zu entwickeln, die psychische Belastungen abfangen, bevor sie sich zur Krise ausweiten. DZPG-Sprecher Prof. Peter Falkai bringt den Handlungsbedarf auf den Punkt: Pflegende Angehörige geraten meist erst dann in den Fokus, wenn bereits eine Erkrankung entstanden ist – diese Gruppe müsse früher erreicht und systematisch in Prävention und Versorgung einbezogen werden.
Prof. Silvia Schneider, Sprecherin des DZPG, formuliert den Anspruch dahinter so:
„Gerade bei Themen wie der psychischen Gesundheit pflegender Angehöriger müssen wir schnell verstehen, wo Risiken entstehen, welche Unterstützung wirkt und wie neue Erkenntnisse in Prävention und Versorgung übersetzt werden können."
Dass dieses Vorhaben überfällig ist, wissen viele Betroffene aus eigener Erfahrung. Eine Angehörige, die selbst beide Elternteile pflegt und als Erfahrungsexpertin am Projekt beteiligt ist, beschreibt es so:
„Pflege hört nie auf. Sie läuft neben dem Beruf, neben der Familie, oft auch nachts – selbst dann, wenn die eigenen Kräfte längst erschöpft sind."
Was Dauerstress mit deiner inneren Stabilität macht
Dauerhafter Stress ohne ausreichende Erholung ist kein persönliches Versagen. Er ist eine nachvollziehbare Reaktion deines Nervensystems auf eine Situation, die über lange Zeit zu viel verlangt. Wenn du über Monate und Jahre unter hoher Belastung stehst, verlierst du nach und nach den Zugang zu genau den inneren Ressourcen, die eigentlich tragen würden: die Fähigkeit, deine eigenen Grenzen wahrzunehmen, dir Unterstützung zu holen – und deine eigene Erschöpfung als das ernst zu nehmen, was sie ist: ein Signal, kein Versagen.
Resilienz entwickelt sich nicht im Widerstand gegen alles, was kommt. Sie wächst in dem Maß, in dem du lernst, auch unter Belastung in Kontakt mit dir selbst zu bleiben. Das bedeutet vor allem eines: dich selbst nicht dauerhaft ans Ende der eigenen Prioritätenliste zu setzen.
Drei Ansatzpunkte für mehr Stabilität im Pflegealltag
Als systemische Beraterin (DGSF) und Trainerin für Resilienz und mentale Gesundheit weiß ich aus meiner Arbeit mit Menschen in belastenden Lebensphasen: Es sind selten die großen Veränderungen, die etwas bewegen – sondern die kleinen, konsequenten. Resilienztraining setzt nicht erst in der Krise an; es wirkt am meisten, wenn du frühzeitig beginnst, deine eigene Stabilität bewusst zu pflegen. Drei Ansatzpunkte, die dabei helfen:
Kleine Kraftinseln bewusst schaffen
Nicht Stunden der Auszeit, sondern Minuten, die wirklich dir gehören – ohne Leistung, ohne Funktion, ohne Erreichbarkeit. Dein Nervensystem braucht diese Signale, um überhaupt aus dem Daueralarm-Modus herauszufinden. Selbst fünf Minuten bewusstes Durchatmen, ein kurzer Spaziergang oder ein Moment echter Stille können den Unterschied machen – nicht als Lösung, aber als Anker.
Die eigenen Gefühle annehmen
Wut auf die Situation. Trauer über das, was sich verändert hat. Überforderung, Hilflosigkeit, manchmal sogar Erschöpfung bis zur inneren Leere. Das sind keine Zeichen, dass du schwach bist oder es falsch machst. Es sind völlig normale Reaktionen auf eine außergewöhnliche Dauersituation. Wer diese Gefühle anerkennt, statt sie wegzuschieben, schafft erst die Grundlage, wieder handlungsfähig zu werden.
Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen
Nein zu sagen, Aufgaben abzugeben, Unterstützung einzufordern: Das fühlt sich für viele pflegende Angehörige wie ein Versagen an. Aus psychologischer Sicht ist es das genaue Gegenteil. Wer die eigenen Grenzen kennt und kommuniziert, schützt nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Qualität der Fürsorge, die er oder sie langfristig geben kann. Denn wer ständig für andere sorgt, braucht selbst Raum zur Regeneration. Nur wer selbst Kraft hat, kann Kraft geben.
Für dich da sein – damit du für andere da sein kannst
Pflege bedeutet Fürsorge – und oft auch eine enorme emotionale und körperliche Belastung. Umso wichtiger ist es, die eigene seelische Widerstandskraft zu stärken. Genau hier setzt mein Workshop Resilienz für pflegende Angehörige – Für andere sorgen, ohne sich selbst zu verlieren an.
Neben Impulsen, was Resilienz bedeutet und warum sie gerade in deiner Situation so wichtig ist, erwarten dich konkrete Übungen und Methoden sowie viel Raum für Austausch. Du lernst, deine Energiequellen gezielt zu stärken, gesunde Grenzen zu setzen und neue Zuversicht zu finden – Schritt für Schritt und mit Ansätzen, die sich in deinen Alltag integrieren lassen. Denn kleine Momente der Erholung und Stabilität können im Pflegealltag einen echten Unterschied machen.
Termine sind derzeit in Planung. Wenn du informiert werden möchtest, sobald der Online-Workshop startet, schreib mir gerne ganz unverbindlich eine kurze Nachricht an kontakt@alexandrapisek.de. Ich formiere dich, sobald die Termine feststehen. Weitere Informationen zum Workshop findest du hier.
Quelle:
Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG): Wenn Pflege zur Dauerbelastung wird – DZPG startet Forschungsprojekt zur psychischen Gesundheit pflegender Angehöriger. Pressemitteilung. www.dzpg.org

Wer schreibt hier eigentlich?
Ich bin Alexandra – systemische Beraterin (DGSF) und Trainerin für Resilienz und mentale Gesundheit aus der Region Mainz/Wiesbaden. Ich begleite Menschen dabei, ihre innere Widerstandskraft zu stärken – mit fundiertem Hintergrundwissen und Methoden, die sich im echten Leben bewähren. Ich freue mich über deine Nachricht: kontakt@alexandrapisek.de
Kennst du jemanden, der gerade einen nahestehenden Menschen pflegt? Dann leite diesen Beitrag gerne weiter – vielleicht ist er genau das, was jemand gerade braucht.
